Alternativen im Abferkelstall: Die Bewegungsbucht

09.01.2019 - Dr. Manfred Weber, Klein Schwechten

Die anhaltende Diskussion um das Tierwohl in der Schweinehaltung macht mittlerweile nicht beim Kastenstand im Deckzentrum halt, sondern erstreckt sich auch auf die Haltung der Sauen im Abferkelstall. Ob die Fixierung im Ferkelschutzkorb, die bisher das System der Wahl darstellt, weiter gesetzeskonform bleiben wird, oder ob andere Systeme mit zeitweisem, oder dauerndem Freilauf der Sau gefordert werden, ist noch äußerst ungewiss. Daher herrscht besonders bei den Sauenhaltern eine große Ungewissheit, die den Abferkelstall umbauen müssen, oder neu bauen wollen. Zur Zeit werden drei Systeme diskutiert, die den Sauen zumindest zeitweise Freiraum zur Bewegung bieten. Hierbei handelt es sich um folgende Systeme:

Bewegungsbucht: Hierbei handelt es sich um ein System, bei dem die Sau zur Geburt und wenige Tage danach im konventionellen Ferkelschutzkorb fixiert bleibt, der anschließend für den Rest der Säugezeit geöffnet wird, um der Sau Raum zur Bewegung zu geben.

Freilaufbucht mit freiem Abferkeln: In diesem System kann die Sau über die gesamte Zeit im Abferkelstall sich in der Einzelbucht frei bewegen. Dies gilt auch für die Zeit der Abferkelung. Eine Fixierung der Sau ist nicht möglich.

Gruppensäugen: Hierunter werden die verschiedensten Systeme zusammengefasst, bei denen es den Sauen möglich ist, sich, zu unterschiedlichen Zeitpunkten auch im Abferkelstall, in die Gruppe zu begeben und dort ab einem bestimmten Säugetag auch in der Gruppe zu säugen.

Im Folgenden sollen die wichtigsten Ergebnisse aus Untersuchungen zum System Bewegungsbucht dargestellt und die Vor- und Nachteile abgewogen werden.

Ferkel haben in der Bewegungsbucht mehr Platz am Gesäuge der Sau

A. Untersuchung Haus Düsse (2014-2016)

Hauptkritikpunkt an den Bewegungsbuchten sind die höheren Saugferkelverluste. Das bestätigen auch die aktuellen Versuche auf Haus Düsse. So beträgt die Verlust­quote durch Erdrücken in den Standardbuchten 5,3 %, während sie in den Bewegungsbuchten bei 8,7 % liegt (Tabelle 1).

Untersucht wurden mehrere Bewegungsbuchten unterschiedlicher Hersteller. Als Ursachen für höhere Verlustraten wurden genannt:

  • Nervöse und unruhige Sauen.
  • Mängel in der Buchtengestaltung
  • Fehlende Abliegehilfen während der Freilaufzeit
  • Unzureichende Fußbodengestaltung
  • Kompromisse, die beim Einbau eingegangen werden mussten
  • Fitness der Ferkel
  • Zu frühes Öffnen des Ferkelschutzkorbes

B. Untersuchung in Iden (2014-2016)

In Iden wurden zwei Bewegungsbuchten gegen die üblichen Ferkelschutzkorbbuchten getestet. Die Fläche der Bewegungsbucht entsprach der der Standardbucht, nämlich 2x2,5 m. Es sollte sich hier zeigen, wie sich der Austausch ohne Flächenmehrverbrauch auswirkt. Beide Bewegungsbuchten wurden am Tag 7 nach der Abferkelung geöffnet.


Es zeigte sich, dass die beiden Bewegungsbuchten sehr unterschiedlich abschnitten. Während in Bewegungsbucht 1 deutlich höhere Verluste auftraten, konnten mit Bewegunsgbucht 2 ähnliche Verlustraten wie in der Standardbucht erzielt werden. Hier ist zu erwähnen, dass die meisten Erdrückungsverluste in der Bewegungsbucht 1 in den ersten 7 Tagen, also bei fixierter Sau auftraten. Nach dem Öffnen des Ferkelschutzkorbes waren die Verluste in ähnlich geringer Höhe. Bei genauem Hinsehen zeigten sich beim Ferkelschutzkorb der Bucht 1 zwei gefährliche Engpässe, die zu erhöhten Erdrückungsverlusten geführt haben. Insgesamt konnte festgestellt werden, dass selbst bei knapp bemessenen 5m² Bewegungsbuchten bei entsprechender Raumaufteilung funktionieren können.

Bucht der Firma Big Dutchman in der Idener Untersuchung
Bucht der Firma Schauer in der Idener Untersuchung

C. Untersuchungen Schwarzenau (2014-2016)

Auch in Schwarzenau wurden mehrere Bewegungsbuchten vor allem auf Funktionalität, Arbeitserledigung und Reinigungsaufwand untersucht. Hinsichtlich Ferkelverluste ergaben sich folgende Zahlen:

Auch hier gab es leicht höhere Verluste bei den Bewegungsbuchten. Allerdings hauptsächlich auch während der Zeit mit geschlossenem Ferkelschutzkorb. Die Streuung zwischen den Einzelwürfen war sehr groß. Die Interviews der Tierbetreuer zu den übrigen Punkten ergab folgende Ergebnisse:

Ein- und Ausstallen der Sauen:

  • Diagonal angeordnete und / oder weit zu öffnende Ferkelschutzkörbe (FSK) sind beim Einstallen überlegen
  • Beim Ausstallen sind die geöffneten FSK den geschlossenen überlegen

Übersichtlichkeit:

  • Ausrichtung des Geburtsbereiches der Sau mit Orientierung zum Gang wird bevorzugt
  • Geöffnete FSK werden besser beurteilt wie geschlossene

Schließen und Öffnen der FSK

  • Leichtgängige Verschlussmechanismen bevorzugt
  • Möglichst keine Längenverstellung von Seitenteilen gewünscht (Verkantungen)

Fangen der Ferkel

  • Beim Ferkelfangen wird größerer Platzbedarf neben dem FSK positiv bewertet
  • Geringe Buchtenflächen sind arbeitserleichternd
  • Größere Trogbereiche werden negativ beurteilt (Ferkel verstecken sich)

D. Untersuchungen Futterkamp (2012-2016)

Im LVZ in Futterkamp werden seit 2012 verschiedene Typen von Bewegungsbuchten genutzt und untersucht. Dem gegenüber stehen Buchten mit konventionellen Ferkelschutzkörben. Die erreichten biologischen Zahlen sehen wie folgt aus:

Die Auswertungen zeigen deutlich, dass die Saugferkelverluste steigen, wenn die Sau mehr Bewegung in der Abferkelbucht hat. Hier sind weitere technische Anpassungen notwendig, um vergleichbare Leistungen wie in den Buchten mit Ferkelschutzkörben zu erreichen. Es ist allerdings unbedingt festzuhalten, dass ebenfalls große Unterschiede innerhalb der Buchten, die mit Ferkelschutzkorb ausgestattet sind, bestehen.

Neben den Erdrückungsverlusten machen zu klein geborene Ferkel den zweiten großen Block der Verlustursachen aus. So liegen die Saugferkelverluste in der Gruppe der Ferkel, die bei der Geburt maximal 0,8 kg wiegen, bei über 50 %. Ab einem Geburtsgewicht von 1,3 kg liegen diese unter 10 %. Der Anteil der Ferkel mit einem Geburtsgewicht von maximal 0,8 kg lag bei den ausgewerteten Würfen bei mehr als 10 %. Ungefähr ein Viertel der Ferkel wird mit einem Geburtsgewicht von maximal 1 kg geboren. Die Erkenntnisse dieser Zahlen verdeutlichen, dass die kleinen Ferkel besondere Unterstützung benötigen, um einen guten Start ins Leben zu bekommen. Hier können Maßnahmen wie das „split-suckling“ für eine ausreichende Kolostrumversorgung auch der Kleinsten sorgen.

 

 

E. EIP-Projekt Agrargenossenschaft Beyern (Brandenburg)

Im Rahmen eines EIP-Projektes wurden im Stall der Agrargenossenschaft Beyern mehrere Bewegungsbuchten auf Leistung und Praktikabilität getestet. Ziel war es, die für den Betrieb beste Bucht zu selektieren und diese dann als Standardbucht im umgebauten Abferkelstall einzusetzen.

Untersucht wurden 4 Buchten, bei zweien bildete der geöffnete Ferkelschutzkorb ein Trapez, bei den übrigen beiden ließ er sich zu einem Quadrat öffnen. Die Verlustzahlen zeigten sich wie folgt:


Es zeigt sich, dass zwischen den einzelnen Bewegungsbuchten deutliche Unterschiede in den Verlustzahlen bestehen. Dabei zeigen die Systeme, die sich zu einem Trapez öffnen lassen, ähnliche sogar leicht bessere Werte, als die Standardbucht mit Ferkelschutzkorb. Die Ferkel scheinen dort mehr Möglichkeiten zu haben, sich der hinlegenden Sau zu entziehen. Bei den quadratisch öffnenden Systemen gibt es nur kleine Abweiser an den Seitenwänden, die nicht effektiv genug sind.

Trotz der etwas geringeren Praktikabilität der Trapezbuchten, hat sich das Unternehmen für dieses Buchten entschieden.

Worauf ist zusammenfassend beim Kauf von Bewegungsbuchten zu achten?

Bei allen Untersuchungen wurde deutlich, dass Bewegungsbuchten ähnlich gute Ferkelverlustwerte erzielen können, wie Standardbuchten mit Ferkelschutzkörben. Die Streuung zwischen den unterschiedlich angebotenen Systemen und den einzelnen Würfen ist dabei allerdings sehr groß. Als beachtenswert und für den Kauf erheblich haben sich folgende Punkte erwiesen:

  • Der Platzbedarf steigt bei Umsteigen auf Bewegungsbuchten. Eine Buchtenfläche von mindestens 5 m², besser 6 m² sollte angesetzt werden
  • Bei trapezförmig öffnenden Systemen haben Ferkel bessere Möglichkeiten, sich vor dem Erdrücken zu schützen
  • Systeme, die eine gute Geburtsbeobachtung und Geburtshilfe zulassen, sind zu bevorzugen (ausreichend Platz hinter der Sau bei geschlossenen Ferkelschutzkorb und Hinterteil der Sau nahe am Betreuungsgang)
  • Systeme sollten möglichst leicht zu bedienende Verschluss- und Verstellmöglichkeiten bieten (Achtung Verkantungen)
  • Untergewichtig geborenen Ferkeln ist noch mehr Aufmerksamkeit zu widmen, damit sie nach Öffnung des Ferkelschutzkorbes ausreichend mobil sind
  • Eine gute Erreichbarkeit des Troges muss gegeben sein, auch bei geöffnetem Ferkelschutzkorb
  • Ferkelnester so anordnen, dass sie auch bei geöffnetem FSK als Rückzugsfläche für die Ferkel dienen können
  • Bei Systemen mit Wand als Begrenzung im geöffneten Zustand ausreichend Abweiser zum Schutz der Ferkel vor Erdrücken anbringen.
  • Vor Entscheidung für ein System mehrere Buchten unterschiedlicher Hersteller auf dem eigenen Betrieb testen. Vorher Informationen zu den Systemen einholen (Lehr- und Versuchsanstalten, Praxisbetriebe)
  •  Die Ferkelschutzkörbe sollten nicht vor dem 5. besser dem 7. Tag nach der Geburt geöffnet werden

DER DIREKTE DRAHT

Dr. Manfred Weber
Klein Schwechten
Tel.: 039388/28423
E-Mail: Manfred.H.Weber(at)gmx.de

Stand: Januar 2019