Die vielen Teile des Puzzles

05.06.2019 – S. Möcklinghoff-Wicke, Innovationsteam Milch Hessen der Landesvereinigung Milch Hessen

Wir alle wissen, dass die Gesundheit der weiblichen Nachzucht wichtig ist. Hier denkt man vor allem an Atemwegserkrankungen, Durchfallerkrankungen, Klauen und Beingesundheit sowie andere physische Gesundheitsmerkmale. In den letzten Jahren macht aber die Eutergesundheit bei den Färsen immer mehr Schlagzeilen. Wie kommt es, dass Färsen noch vor der ersten Abkalbung und Laktation eine Mastitis bekommen und welche Möglichkeiten der Prävention gibt es? Welche Puzzleteile gilt es zusammenzusetzen, um die Färsen zu schützen?

Während der ersten Trächtigkeit erfährt das milchbildende Gewebe im Euter große Entwicklungen und die Färsen sind sehr empfänglich für Eutergesundheitsstörungen. Gerade in dieser Entwicklungsphase der Milchdrüsen müssen die Tiere vor jeder Art von Erregern geschützt werden, die eine Infektion hervorrufen können und somit die Milchproduktion negativ beeinträchtigen. Die jungen Tiere sind die Zukunft der Herde und es ist demotivierend zu sehen, dass die Färsen gleich zu Beginn ihrer produktiven Phase zum Dreistrich werden oder gar wegen der Eutergesundheit selektiert werden müssen.

Eine Färsenmastitis hat langwierige Folgen für das Tier, denn wenn die Färse im Bestand bleibt, hat sie durchschnittlich 15 % weniger Lebensleistung, als ein eutergesundes Jungtier. Färsen, die noch vor der Abkalbung eine klinische Mastitis mit Staph. aureus entwickeln, haben sehr hohe Leistungseinbußen und auch nach einer Behandlung tragen sie Folgen davon in die nächsten Laktationen. Versuche aus Neuseeland zeigen, dass Färsen, die eine subklinische Eutergesundheitsstörung aufgrund von Strep. uberis haben, ca. 7 % weniger Milch produzieren, als gesunde Tiere. Diese Verluste sind meist unentdeckt, da subklinische Fälle normalerweise gar nicht entdeckt werden. Bei einer Infektion mit KNS wurden zwar keine Leistungseinbußen festgestellt, aber die Tiere haben in den darauffolgenden Laktationen erhöhte Zellzahlen.    

Was ist eine Färsenmastitis?

Eine Färse, die mit einem gesunden Euter zur Abkalbung kommt, hat einen Zellgehalt von 20.000 bis 50.000 Zellen/ml Milch. Eine Färse, die beim ersten Probemelken einen Zellgehalt von > 100.000 Zellen/ml aufweist, hat eine Mastitis bzw. ein krankhaftes Geschehen in der Milchdrüse. In einer eutergesunden Herde liegt der Anteil der Erstlaktierenden mit über 100.000 Zellen/ml unter < 15 %.

Die Realität sieht anders aus, denn in Hessen z. B. liegt der Anteil der Betriebe mit Färsenmastitis bei 36,4 % und damit über dem Bundesdurchschnitt, der bei ca. 31 % liegt. In einer Untersuchung vom Hessischen Verband für Leistungs- und Qualitätsprüfungen in der Tierzucht e.V. und der Universität Gießen konnte nachgewiesen werden, dass Betriebe mit höheren Leistungen (Menge und Inhaltsstoffe) eine geringere Färsenmastitisrate haben. Im Umkehrschluss hatten die Betriebe mit höherer Färsenmastitisrate die schlechtere Leistung und die höheren Zellzahlwerte. Außerdem zeigte sich ein signifikanter Zusammenhang zwischen der Färsenmastitisrate und der Neuinfektionsrate sowie dem Anteil chronisch euterkranker Kühe im Betrieb. Generell hat ein Betrieb mit vielen chronisch euterkranken Kühen einen deutlich höheren Infektionsdruck und erhöht somit auch das Risiko der Färsen, sich zu infizieren.

Besonders Euter von hochtragenden Färsen sind kurz vor der Kalbung stark entzündungsgefährdet.

Die Puzzleteile finden

Es sind viele Infektionsquellen im Betrieb bekannt, auch wenn sich niemals genau bestimmen lässt, was tatsächlich der Auslöser der Färsenmastitis ist. Die typischen Risikoquellen sind:

  • Bakterien auf der Euterhaut, die sich an der Zitzenspitze kolonisieren und in die Zitze einwandern, sobald der Strichkanal sich öffnet

  • Bakterien, die in der Umwelt der Färsen vorhanden sind (Schmutz, verschmutzte, fehlende Einstreu)

  • Bakterien, die in der Maulhöhle von Kälbern leben und sich beim gegenseitigen Besaugen verteilen

  • Bakterien, die über Fliegen übertragen werden und sich an der Zitzenspitze sammeln

Während bei den letztgenannten Punkten die Prophylaxe auf der Hand liegt - Verhinderung des Besaugens und ein guter Fliegenschutz -, sind die anderen Gefahrenpunkte schwieriger zu entschärfen.

Unerwünschte Störfaktoren – Keimdruck reduzieren

Ein hoher Keimdruck in der Umwelt erhöht das Infektionsrisiko deutlich. Die Infektion des Euters findet bei den Färsen bereits vor der Abkalbung statt. Die häufigste Ursache ist hierbei die spontane Infektion mit Erregern, die auf der Zitzenhaut (koagulase-negative Staphylokokken, KNS) oder in der Umwelt (Umweltstreptokokken, coliforme Keime) vorkommen. Die Erreger sind quasi allgegenwärtig. Nur durch gute Hygiene ist der Keimdruck gering zu halten, ganz ausschalten wird man diese Gefahrenquelle nie.

Ein gestärktes Immunsystem gilt darum als eine wichtige prophylaktische Maßnahme. Ein hygienisches Haltungsumfeld (keine Vollspalten für Färsen!), die Vermeidung von Überbelegung und gut gepflegte Liegeflächen mit trockener und sauberer Einstreu sind hier genauso wichtig wie die Fütterungshygiene und saubere Laufflächen. Positiv wirkt sich die Trennung von Trockenstehern und tragenden Rindern aus, weil so der Stresspegel für die jungen Tiere erheblich reduziert wird. Selbstverständlich ist auch die saubere Abkalbebox ein Puzzleteil, das beachtet werden sollte. Nach der Abkalbung sollten Mutter und Kalb schnell getrennt werden. Das schnelle Anmelken senkt das Mastitisvorkommen (klinisch und subklinisch) bei den Färsen. Aber auch die Reduzierung der Bakterien auf der Euter-/Zitzenhaut vor der Kalbung, wenn sich der Strichkanal öffnet, ist wichtig. Hierbei kann es helfen, die Zitzenöffnung durch einen Zitzenversiegler zu schützen.

Eine relativ kostengünstige, vorbeugende Maßnahme ist der Einsatz von desinfizierendem Euterspray (Zitzendesinfektionsmittel), das in regelmäßigen Abständen (2-3mal pro Woche) angewendet wird, um somit den Erregerdruck an der Zitzenspitze zu senken. Versuche aus Neuseeland zeigen, dass diese Maßnahme zwar die Erregeranzahl an der Zitzenspitze 24 - 48 h vor der Kalbung reduziert, aber die Inzidenz für klinische Mastitis nicht signifikant reduziert.

Auch das Aufbringen von externen Zitzenversieglern im Zeitraum von sieben Tagen bis fünf Tage vor der erwarteten Abkalbung, die mehrere Tage auf der Zitze verbleiben, kann helfen, die Neuinfektion mit Umwelterregern zu reduzieren. In den USA wurde im Versuch mit einem externen Versiegler 10 Tage vor der Abkalbung und ggf. einer Auffrischungsbehandlung die Infektionswahrscheinlichkeit um 19 % gesenkt, bei den „major Pathogenen“ (Streptococcus (Sc.) agalactiae, Staphylococcus (S.) aureus und verschiedene Mykoplasmenspezies) um 40 % und bei Umwelterregern um 50 % reduziert. Ähnliche Erfolge gibt es auch aus Neuseeland zu berichten. Das Infektionsrisiko nach der Abkalbung wurde um 27 % gesenkt.

Am anderen Ende der Welt etabliert sich in der Praxis der Einsatz von internen Zitzenversieglern bei den Färsen immer mehr. Hier wird der Versiegler vier bis sechs Wochen vor der Kalbung mit steriler Anwendung in alle vier Zitzen eingebracht, um eine physikalische Barriere im Strichkanal zu platzieren. Die Ergebnisse zum Einsatz von internen Zitzenversieglern dazu sind in Neuseeland eindeutig: die subklinische Mastitisrate bei Färsen wird um 65 % und die klinische Mastitisrate um ca. 50 % gesenkt. Nach neuesten Empfehlungen wird der Versiegler sogar nur 8 bis 12 Tage a.p. eingesetzt, denn jede Woche später reduziert den Erfolg. Mit der kurzen Applikationszeit wurden bei 4000 ausgewerteten Färsen lediglich zwei klinische Mastitiden p.p. festgestellt. Allerdings ist die Anwendung nicht ohne Risiko. Hygiene ist das oberste Gebot! Gerade bei den oft unruhigen Färsen gilt es, Ruhe beim Applizieren der Versiegler zu bewahren. In Neuseeland wird das oft von gesondert geschulten Technikern übernommen. Da Sauberkeit das A und O ist, sollten für jedes Tier neue Einmalhandschuhe getragen werden. Auch muss die Zitzenspitze zuerst desinfiziert werden und abtrocknen. Der Injektor kann in der Hand angewärmt werden. Beim injizieren ist die Zitzenbasis euternah leicht abzudrücken. Es wird jeweils ein Injektor für ein Viertel verwendet. Wichtig ist, dass der Versiegler nicht im Strichkanal hochmassiert wird, denn um die vollständige Wirkung zu entfalten, muss der Versiegler im unteren Teil der Zitze „stecken bleiben“. Zum Abschluss sollte das Euter gedippt werden. In Neuseeland ist der Einsatz des internen Zitzenversieglers eine ökonomisch sinnvolle Lösung bei Herden mit einer Färsenmastitisrate > 15 %.

Unerwünschte Störfaktoren – Euterödeme und Milch laufen lassen

Die Ergebnisse aus Neuseeland machen deutlich, wie wichtig es ist, nicht nur klinische Färsenmastitis zu verhindern, sondern auch die subklinischen Fälle zu vermeiden. Damit das Immunsystem der Färse schnell auf Infektionen reagieren kann, muss es entsprechend unterstützt werden. Hier gilt es, neben der ausgewogenen Fütterung auch jeglichen Stress für das Tier durch die Haltung oder den Umgang zu minimieren.

Dazu gehört ein gutes Färsenmanagement mit entsprechenden Kontrollen. Ein Fokus sollte hier auf einer Senkung des Risikos eines Euterödems und dem Laufenlassen der Milch bei den jungen Tieren liegen.

Ein Euterödem ist die Schwellung unter der Euterhaut. Hier lagert sich Flüssigkeit im intrazellulären Raum des Eutergewebes ab, was zur Schwellung von Euter, Zitzen und in einigen Fällen auch des Bauchbereiches führt. Die Zitzen sind wegen des Drucks sehr empfindlich, der Strichkanal meist geöffnet. Durch die Schwellung ist das Melken erschwert und der Milchfluss gestört. Das Euterödem ist als ein signifikanter Risikofaktor für die Färsenmastitis identifiziert. In einer Studie fanden Forscher der Universität von Florida heraus, dass Färsen mit Ödemen eine geringere Einsatzleistung hatten; auf die gesamte Laktationsleistung waren keine Auswirkungen festzustellen, aber betroffene Tiere entwickelten in der darauffolgenden Laktation 1,62-mal häufiger wieder ein Ödem.

Die genaue Ursache, die zu Euterödemen führt, ist noch nicht sicher erforscht, allerdings werden die Versorgung mit Natrium, Kalium und Energie und auch eine gewisse genetische Veranlagung als Gründe angenommen. Die Überkonditionierung von Färsen muss aus vielen Gründen vermieden werden, denn die Prädisposition gegenüber dem Entstehen von Ödemen scheint sicher. In den letzten drei Wochen der Trächtigkeit sollte darauf geachtet werden, dass der Gehalt von Natrium und Kalium in der Ration nicht zu hoch ist. Die Empfehlungen liegen hier bei unter 0,15 Prozent Natrium und unter 1,3 Prozent Kalium in der Gesamtrations-Trockenmasse.

Forscher der Universität von Tennessee sehen in oxidativem Stress einen weiteren möglichen Grund. Mykotoxine, Eisen und Molybdän reagieren mit Sauerstoff. Die Zugabe von Antioxidantien in die Ration kann diesen oxidativen Stress mindern. Die Forscher empfehlen die Fütterung von 1000 IU/Tag Vitamin E, 0,3 ppm Selen, 60 ppm Zink, 20 ppm Kupfer, 60 ppm Mangan und 0,25 Prozent Magnesium vor dem Kalben. Diese empfohlenen Werte sind der Ausgangspunkt, abhängig von vielen Faktoren können gegebenenfalls Anpassungen nötig werden.

In diesem Zusammenhang warnen die Wissenschaftler, dass die Haltungsbedingungen, die Fütterung und Krankheiten das Gleichgewicht zwischen Oxidation und Reduktion im Körper negativ beeinflussen können.

Eine Färse, die bereits vor der Geburt die Milch laufen lässt, hat ein besonders großes Risiko, eine klinische oder subklinische Euterentzündung zu bekommen, da der natürliche Schutz durch den Keratinpfropfen im Strichkanal ausgespült ist. Ist der infektionshemmende Zitzenverschluss nicht mehr nachweisbar, wurden bei > 50 % der Tiere vor der Abkalbung Mastitiserreger, vor allem KNS, im Euter nachgewiesen. Die Tiere sollten gezielt ausgemolken werden. Da hier meist auf die Gewinnung vom Kolostrum für das Kalb verzichtet wird, sollte eine Kolostrumreserve im Gefrierschrank vorhanden sein.

Ist der Anteil der Färsenmastitisrate im Betrieb hoch (> 40%), wird empfohlen, die Tiere prophylaktisch ein bis zwei Wochen vor der Abkalbung anzumelken, um Mastitiserreger auszuschwemmen und die Selbstheilung zu fördern.

Eine getrennte Haltung hochtragender Färsen von trockenstehenden älteren Kühen reduziert den Stress bei den jungen Tieren in Vorbereitung auf die Kalbung.

Antibiotikum ist das letzte Mittel

Es mag in Einzelfällen angezeigt sein, schon bei den Tieren vor der Abkalbung ein Antibiotikum einzusetzen. Die Behandlung muss mind. 45 Tage vor der Abkalbung erfolgen, um Antibiotikareste in der Milch zu vermeiden. Ein klassischer Trockensteller ist nach amerikanischen Empfehlungen die beste Variante bei trächtigen Färsen, weil die Heilungsrate höher ist als eine Anwendung in der Laktation und das Risiko einer antibiotischen Verunreinigung der Milch minimiert wird. Der Zellgehalt zur Kalbung ist gesenkt und die Milchleistung ist bei erfolgreich behandelten Tieren um 10 % höher.

Aufgrund der Resistenzproblematik, der gesellschaftlichen Diskussion und der Gefahr von Restantibiotika in der Milch sollte eine Behandlung/Vorbeuge mit Antibiotika immer nur das allerletzte Mittel sein und der Einsatz genau mit dem Tierarzt besprochen werden.

Das Puzzle zusammensetzen

Färsenmastitis ist ein ständig vorhandenes Problem in den Betrieben. Es gibt eine Reihe von vorbeugenden Maßnahmen, die im Betrieb umgesetzt werden sollten. Der Fokus bei der Bekämpfung von Färsenmastitiden liegt in der Verminderung der Neuinfektionsrate und nicht in der Behandlung. Hier ist es wichtig, vor den Erregern an der Zitze zu sein, denn eine massive Besiedlung findet in der Regel erst ab ca. 8 Wochen vor der erwarteten Abkalbung statt. Eine routinemäßig durchgeführte Euterkontrolle der hochträchtigen Färsen sollte darum Standard sein.

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Stand: Mai 2019
Fotos (Katrin Mahlkow-Nerge)